IEC TS 60079-44: Kompetenz im Explosionsschutz endlich systematisch bewerten

Wer in explosionsgefährdeten Bereichen arbeitet, muss kompetent sein – so weit, so selbstverständlich. Doch sobald Fremdfirmen, externe Dienstleister oder unterschiedliche Fachrollen ins Spiel kommen, wird aus dieser Selbstverständlichkeit schnell ein organisatorisches Problem.

Bei einem Staplerfahrer ist die Situation eindeutig: Der Betreiber prüft den Staplerschein, kontrolliert die Einweisung und kann nachvollziehen, ob die Person die Tätigkeit ausführen darf. Im Explosionsschutz war genau diese Transparenz bislang deutlich schwieriger. Betreiber mussten sich häufig auf einzelne Schulungsnachweise, Erfahrungswerte oder interne Einschätzungen verlassen. Genau an dieser Stelle setzt die IEC TS 60079-44 an.

Die technische Spezifikation beschreibt erstmals systematisch, wie Kompetenzen im Explosionsschutz bewertet, dokumentiert und organisatorisch eingeordnet werden können. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um Elektriker oder Prüfer, sondern um sämtliche Personen, die in explosionsgefährdeten Bereichen Verantwortung tragen oder Tätigkeiten ausführen.

Warum Kompetenz im Explosionsschutz so schwer greifbar ist

Im Alltag vieler Unternehmen stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Woher weiß ein Betreiber eigentlich, dass eine Person wirklich ausreichend qualifiziert ist, um im Ex-Bereich zu arbeiten?

Die Schwierigkeit liegt darin, dass Explosionsschutz keine eigenständige Grundqualifikation ist. Ein Elektriker muss zunächst Elektrofachkraft sein, bevor er zusätzliche Kenntnisse im elektrischen Explosionsschutz erwerben kann. Gleiches gilt für Mechaniker, Planer, Instandhalter oder Ingenieure. Die Kompetenz im Ex-Bereich baut also immer auf einer bereits vorhandenen beruflichen Qualifikation auf.

Genau diesen Gedanken greift die IEC TS 60079-44 auf. Sie macht deutlich, dass Explosionsschutzkompetenz nicht losgelöst betrachtet werden kann, sondern immer in Verbindung mit der jeweiligen beruflichen Tätigkeit steht.

Damit entsteht ein Perspektivwechsel: Nicht die einzelne Schulung steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, welche Kompetenz eine Person für ihre konkrete Aufgabe tatsächlich benötigt.

Technische Spezifikation statt klassische Norm

Die IEC TS 60079-44 gehört zur Normenreihe IEC 60079, ist jedoch keine klassische Norm, sondern eine sogenannte Technical Specification – also eine technische Spezifikation.

Solche Dokumente entstehen häufig dann, wenn ein Thema bereits hohe praktische Relevanz besitzt, sich aber noch weiterentwickelt oder international noch kein vollständig etablierter Konsens besteht. Die Spezifikation durchläuft zwar bereits die üblichen internationalen Abstimmungsprozesse, besitzt aber noch nicht den Status einer anerkannten Regel der Technik.

Gerade beim Thema Kompetenzmanagement ist das nachvollziehbar. Anforderungen an Qualifikationen verändern sich oft deutlich schneller als klassische Normungsprozesse. Unternehmen benötigen jedoch trotzdem Orientierung, insbesondere wenn internationale Projekte, Fremdfirmen oder Betreiberpflichten betroffen sind.

Die IEC TS 60079-44 versucht genau diese Lücke zu schließen.

Rollen statt Berufsbezeichnungen

Besonders interessant ist der Ansatz, nicht in klassischen Berufen zu denken, sondern in sogenannten „Rollen“. Gemeint sind damit konkrete Aufgaben und Verantwortlichkeiten innerhalb eines Unternehmens.

Die Spezifikation betrachtet beispielsweise Personen, die Zoneneinteilungen durchführen, Anlagen projektieren, Installationen errichten, Prüfungen durchführen oder Anlagen betreiben. Aber auch Tätigkeiten außerhalb der klassischen Technik werden berücksichtigt. Selbst Sicherheitsdienste, Reinigungspersonal oder Fremdfirmenmitarbeiter können relevante Rollen besitzen, wenn sie Zugang zu explosionsgefährdeten Bereichen haben.

Das wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich, ist in der Praxis aber absolut logisch. Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes muss zwar keine Ex-Anlage projektieren können, sollte jedoch verstehen, warum ein gewöhnliches Funkgerät oder eine ungeeignete Taschenlampe in bestimmten Bereichen problematisch sein kann.

Die IEC TS 60079-44 betrachtet Kompetenz deshalb immer im Zusammenhang mit der jeweiligen Aufgabe.

Kompetenz ist mehr als Wissen

Besonders gelungen ist die Definition des Kompetenzbegriffs innerhalb der Spezifikation. Kompetenz wird dort nicht einfach als vorhandenes Wissen beschrieben, sondern als die Fähigkeit, Wissen und Fertigkeiten so anzuwenden, dass ein gewünschtes Ergebnis sicher erreicht wird.

Dieser Gedanke ist entscheidend. Denn in der Praxis reicht es nicht aus, Normen theoretisch zu kennen oder einmal ein Seminar besucht zu haben. Betreiber müssen sich darauf verlassen können, dass Personen ihr Wissen auch unter realen Bedingungen sicher anwenden können.

Damit wird deutlich, warum reine Teilnahmebescheinigungen oft nicht ausreichen, um tatsächliche Kompetenz belastbar zu bewerten.

Vom Schulungsnachweis zum Kompetenzmanagement

Die vielleicht wichtigste Veränderung durch die IEC TS 60079-44 liegt darin, dass sie den Fokus weg von einzelnen Schulungen und hin zu einem vollständigen Kompetenzmanagementsystem verschiebt.

Unternehmen sollen systematisch festlegen, welche Kompetenzen für bestimmte Rollen erforderlich sind, wie diese aufgebaut werden und wie sie langfristig erhalten bleiben. Viele größere Organisationen arbeiten bereits heute mit digitalen Trainings- und Qualifikationssystemen, in denen Mitarbeitern bestimmte Rollen zugeordnet werden. Abhängig von ihrer Verantwortung ergeben sich daraus unterschiedliche Schulungs- und Nachweispflichten.

Genau dieses Prinzip greift die Spezifikation auf.

Ein Betriebsingenieur benötigt andere Kompetenzen als ein Monteur. Ein Inspektor andere Nachweise als ein Bediener. Die Anforderungen richten sich nicht pauschal nach dem Beruf, sondern nach Verantwortung und Tätigkeit.

Dadurch entsteht erstmals ein relativ klarer organisatorischer Rahmen, mit dem Betreiber Kompetenzanforderungen strukturierter bewerten können.

Welche Nachweise heute bereits genutzt werden können

Die IEC TS 60079-44 schreibt kein einziges starres Zertifizierungssystem vor. Stattdessen lässt sie unterschiedliche Formen des Kompetenznachweises zu.

Das können interne Qualifizierungen durch den Arbeitgeber sein, herstellerspezifische Produktschulungen oder unabhängige Zertifizierungen durch externe Stellen. Auch bestehende Qualifikationen wie die „zur Prüfung befähigte Person“ oder internationale Personenzertifizierungen lassen sich weiterhin sinnvoll einordnen.

Gerade diese Offenheit macht die Spezifikation praxisnah. Unternehmen müssen ihre bestehenden Systeme nicht komplett ersetzen, sondern können vorhandene Qualifizierungsmodelle in einen strukturierten Kompetenzansatz integrieren.

Warum die IEC TS 60079-44 an Bedeutung gewinnen dürfte

Die eigentliche Stärke der IEC TS 60079-44 liegt weniger darin, neue Schulungen zu definieren. Viel wichtiger ist ihr organisatorischer Ansatz.

Betreiber erhalten erstmals ein Werkzeug, mit dem sich die zentrale Frage deutlich strukturierter beantworten lässt: Darf diese Person diese Tätigkeit im explosionsgefährdeten Bereich ausführen?

Besonders im Umgang mit Fremdfirmen, internationalen Projekten und komplexen Betreiberstrukturen dürfte diese Fragestellung künftig weiter an Bedeutung gewinnen.

Die IEC TS 60079-44 liefert dafür keine einfache Checkliste. Sie bietet aber einen Rahmen, um Kompetenz im Explosionsschutz nachvollziehbar, systematisch und langfristig organisieren zu können – und genau das fehlte bislang häufig in der Praxis.

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