Normen im Explosionsschutz unterliegen einem ständigen Wandel. Neue Erkenntnisse, technische Weiterentwicklungen und internationale Abstimmungen führen regelmäßig zu Aktualisierungen der IEC 60079-Normenreihe – und damit zu neuen Anforderungen für Hersteller von Ex-Geräten. Was oft nach rein formaler Büroarbeit klingt, ist in Wahrheit zentral für die Sicherheit von Produkten und Anlagen.
R. STAHL hat hierfür ein Vorgehen etabliert, das deutlich über die branchenübliche Praxis hinausgeht. Im Gespräch erklärt Werner Förstner, Zertifizierungsverantwortlicher für Electrical Products bei R. STAHL, warum die kontinuierliche Bewertung von Normenänderungen unverzichtbar ist, wie die eigens entwickelte Normen-Datenbank funktioniert und welchen konkreten Nutzen Kunden davon haben.
Herr Förstner, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Normen, Zertifizierungen und dem Thema Ex-Schutz. Warum ist es so wichtig, dass Normenänderungen laufend bewertet werden?
Werner Förstner: Der wichtigste Grund liegt in der ATEX-Richtlinie. Sie verlangt ausdrücklich, dass ein Produkt immer nach dem Stand der Technik – also state of the art – bewertet werden muss. Das bedeutet: Sobald eine neue Ausgabe einer Norm erscheint, müssen Hersteller überprüfen, ob die Änderungen Auswirkungen auf die Sicherheit ihrer Produkte haben. Der Stand der Technik spiegelt sich in der Regel in den IEC- und EN-Normen wider.
In den Normen gibt es ja verschiedene Arten von Änderungen. Welche sind das genau?
Werner Förstner: Nach dem Vorwort jeder neuen Norm findet man eine Übersicht, die alle Änderungen in drei Kategorien einteilt:
- Geringe oder redaktionelle Änderungen (Minor / Editorial Changes)
Das betrifft Klarstellungen, Schreibfehler oder leichte technische Anpassungen.
→ Diese müssen bei bestehenden Produktzertifikaten nicht berücksichtigt werden. - Erweiterungen (Extensions)
Das sind zusätzliche Möglichkeiten, z. B. alternative Prüfmethoden.
→ Auch sie müssen bei bestehenden Produktzertifikaten nicht berücksichtigt werden, können aber für spätere Zertifikatserweiterungen relevant werden. - Bedeutende technische Änderungen (Major Technical Changes)
Hier werden technische Anforderungen hinzugefügt oder erhöht.
→ Diese müssen bewertet werden, weil sie den neuen Stand der Technik darstellen.
Die Einstufung wird vom IEC-Maintenance Team der jeweiligen Norm vorgenommen – also von den Experten, die die Norm erarbeiten. Dadurch ist sichergestellt, dass Hersteller und Prüfstellen weltweit nach denselben Kriterien bewerten.
Was heißt das nun konkret für den Hersteller eines Ex-Produkts?
Werner Förstner: Er muss jede neue Edition prüfen und vor allem die Major Technical Changes bewerten. Viele Hersteller übersehen vermutlich, dass dies verpflichtend ist – aber aus normativer und ATEX-Sicht ist es eindeutig vorgeschrieben.
Gerade im Ex-Bereich bedeutet eine Normenänderung oft eine neue technische Anforderung. Wenn diese für ein Produkt relevant ist, muss das Zertifikat aktualisiert werden. Wenn nicht, genügt ein dokumentierter Nachweis, dass keine Relevanz besteht.
R. STAHL baut kundenspezifische Schaltgerätekombinationen mit sehr vielen Einzelkomponenten. Welche Herausforderung entsteht dadurch?
Werner Förstner: Wir sprechen von über 600 verschiedenen Ex-Komponenten und Ex-Geräten, die in unseren Schaltgerätekombinationen verbaut werden – etwa 50 % davon sind Fremdprodukte.
Kommt nun eine neue Norm heraus, muss für jedes einzelne Gerät geklärt werden:
- Gibt es relevante Major Technical Changes?
- Ist das Gerät weiterhin normenkonform?
Man kann sich vorstellen: Das ist ein enormer Aufwand.
Als wir vor ein paar Jahren unsere Zulieferer um entsprechende Nachweise baten, lag die Rücklaufquote bei nur etwa 25 %. Das war für uns praktisch unbrauchbar.
Wie haben Sie dieses Problem gelöst?
Werner Förstner: Wir haben eine eigene Datenbank entwickelt, in der alle Ex-Produkte und alle relevanten Normen systematisch gepflegt werden. Damit können wir für jedes Produkt schnell bewerten, ob Normenänderungen relevant sind.
Wenn wir eine Änderung nicht selbst bewerten können – etwa bei Fremdprodukten – kontaktieren wir den Hersteller gezielt mit konkreten Fragen zu exakt dem Abschnitt, der bewertet wurde.
Kann man also sagen, dass dieses System den Kunden einen deutlichen Mehrwert bietet?
Werner Förstner: Absolut. Der Kunde kann sicher sein, dass unsere Produkte und unsere Schaltgerätekombinationen immer auf dem neuesten Stand der Normen sind. Und das ist tatsächlich etwas, das nicht jeder Wettbewerber in dieser Konsequenz macht.
Manchmal kritisieren Kunden, dass ein Zertifikat nicht dem neuesten Normenstand entspricht. Wie gehen Sie damit um?
Werner Förstner: Das Zertifikat selbst muss nicht zwingend sofort angepasst werden – das ist so auch in der ATEX-Richtlinie festgelegt. Entscheidend ist die Bewertung, nicht die sichtbare Aktualisierung des Zertifikates. Viele Änderungen von Normen sind ohnehin nicht relevant für das Produkt.
Weltweit gibt es zusätzliche Anforderungen:
- Indien fordert für ein PESO-Zertifikat stets die neuesten IEC-Normstände in den IECEx-Zertfikaten.
- Andere Länder akzeptieren auch ältere Normstände, wenn wir eine Gap-Analyse vorlegen können – sprich unser dokumentierter Nachweis, dass alle Änderungen geprüft wurden.
Ohne unsere Datenbank könnten wir die normativen Anforderungen weltweit kaum erfüllen.
Was bedeutet all das aus Kundensicht?
Herr Förstner: Der Kunde bekommt Produkte, bei denen:
- alle relevanten Normenänderungen geprüft wurden,
- auch Fremdprodukte bewertet sind,
- und weltweit länderabhängige Zertifizierungen schneller und sicherer möglich sind.
Kurz gesagt:
Er kann sich darauf verlassen, dass R. STAHL Produkte immer dem Stand der Technik entsprechen – und zwar nachweislich.
Herr Förstner, was möchten Sie unseren Kunden abschließend mitgeben?
Dass Normenkonformität kein einmaliges Ereignis ist, sondern ein fortlaufender Prozess.
Wir bei R. STAHL nehmen diese Verantwortung sehr ernst. Mit unserer systematischen Bewertung aller Normenänderungen – auch bei Fremdprodukten – stellen wir sicher, dass unsere kundenspezifischen Lösungen jederzeit dem aktuellen Stand der Technik entsprechen. Das schafft nicht nur Sicherheit, sondern auch Vertrauen.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Förstner.











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