Digitalisierung in der Prozessindustrie: Wie NOA und Verwaltungsschale Effizienz, Sicherheit und Transparenz neu definieren
Die Prozessindustrie steht vor einer besonderen Herausforderung: Anlagen bestehen oft aus jahrzehntealten Systemen, die mit zahlreichen Sensoren und Feldgeräten ausgestattet sind. Diese Geräte liefern wertvolle Daten, die jedoch in traditionellen Automatisierungssystemen oft isoliert und schwer zugänglich sind. Genau hier setzen moderne Digitalisierungstechnologien wie die Verwaltungsschale und die NOA-Technologie an – Lösungen, die nicht nur die Arbeit erleichtern, sondern auch die Sicherheit und Compliance in der Anlage erhöhen.
NOA: Daten aus der Anlage intelligent nutzen
NOA, kurz für NAMUR Open Architecture, ist ein System, das die Informationen aus Automatisierungssystemen sicher nach außen transportiert, ohne die laufende Produktion zu beeinträchtigen. Das Besondere: Die Daten werden rückwirkungsfrei aus den Anlagen extrahiert, sodass die Kernautomatisierung weiterhin stabil arbeitet. Sensorinformationen, Diagnosedaten oder Wartungsinformationen stehen so in Echtzeit zur Verfügung und können direkt in übergeordnete Anwendungen integriert werden.
Besonders vorteilhaft ist dies beim Gerätetausch in der Anlage. In vielen chemischen Anlagen laufen Sensoren und Geräte 20 bis 30 Jahre lang, bevor sie ersetzt werden müssen. Bei einem manuellen Tausch musste bisher jede Änderung auf Papier dokumentiert, vom Dienstleister erfasst und nachträglich in die Anlagenverwaltung übertragen werden – ein Prozess, der Wochen oder Monate dauern konnte. Mit NOA werden die Änderungen automatisch erkannt: Seriennummer, Gerätetyp und Modell werden detektiert, und die relevanten Daten stehen sofort für die Dokumentation und weitere Verarbeitung bereit.
Verwaltungsschale: Standardisierte Datenmodelle für maximale Effizienz
Hier kommt dann die Verwaltungsschale ins Spiel. Sie standardisiert die Informationen der Geräte und stellt sie in einem digitalen Datenmodell bereit. Dadurch lassen sich beispielsweise Zertifikate wie ATEX oder der Nachweis zur Eigensicherheit automatisiert abrufen und berechnen. Das bedeutet, dass Anlagenbetreiber sofort einen vollständigen Nachweis über den sicheren Betrieb eines neu eingebauten Sensors erhalten – ohne aufwendige manuelle Berechnungen oder Papierakten.
Die Vorteile sind enorm:
- Zeitersparnis: Prozesse, die früher Wochen dauerten, lassen sich in wenigen Minuten erledigen.
- Fehlerreduktion: Automatisierte Erfassung minimiert menschliche Fehler.
- Compliance: Alle notwendigen Nachweise und Zertifikate sind jederzeit verfügbar und können bei Audits auf Knopfdruck abgerufen werden.
- Skalierbarkeit: Die Verwaltungsschale ist standardisiert und funktioniert sowohl für kleine als auch für große Anlagenbetreiber.
Praxisbeispiel: Von der Geräteerkennung zur automatisierten Dokumentation
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt die IDEA Demoanlage am Standort Höchst.
Hier wurden sechs verschiedene Leitsysteme integriert. Wird z.B. ein Sensor getauscht, werden die neuen Identifikationsdaten über NOA ausgelesen und an die Verwaltungsschale übergeben. Die Verwaltungsschale für das neue Gerät wird direkt vom Gerätehersteller runtergeladen. Eine Applikation berechnet daraufhin binnen Sekunden mit den aktuellen Ex-Kennwerten aus dieser Verwaltungsschale den Nachweis der Eigensicherheit – inklusive Kabelparametern wie Länge und Induktivität. Was früher manuelle Papierarbeit und Wartezeiten bedeutete, geschieht nun vollständig digital und nachvollziehbar.
Für Wartungs- und Engineering-Teams bedeutet das: weniger manuelle Schritte, mehr Sicherheit, weniger Risiko von Dokumentationslücken – ein entscheidender Faktor für Chemie- und Pharmaanlagen, bei denen die Betriebsgenehmigung an vollständige Nachweise gebunden ist.
Integration leicht gemacht
Die Technologien sind so flexibel, dass sie sowohl in Greenfield- als auch Brownfield-Anlagen eingesetzt werden können. NOA kann verschiedene Schnittstellen wie OPC UA nutzen, und die Verwaltungsschale standardisiert die Daten unabhängig vom Hersteller oder Gerätetyp. Das macht die Technologie auch für kleinere Unternehmen attraktiv, bei denen oft nur wenige IT-Ressourcen verfügbar sind.
Ein weiterer Vorteil: Die gleiche Struktur, die für Eigensicherheitsnachweise genutzt wird, kann auch für Wartungsfälle oder andere Anwendungen verwendet werden. Somit entsteht ein ganzheitlicher Ansatz, der die Daten aus der Feldgeräteebene über die Dokumentation bis hin zum Engineering-Tool durchgängig verfügbar macht.
Blick nach vorn: Grundlage für die nächste Generation von Prozessanlagen
Mit der Kombination aus NOA und Verwaltungsschale entsteht eine digitale Basisinfrastruktur, auf der zukünftige Entwicklungen aufbauen können – etwa APL-Feldgeräte oder KI-gestützte Analysetools. Neue Geräte lassen sich nahtlos integrieren, Sicherheitsnachweise werden automatisch generiert – und die Prozessindustrie rückt einen entscheidenden Schritt näher an die vollständig digitale Anlage der Zukunft.
Fazit
Die Verbindung von NOA-Technologie und Verwaltungsschale zeigt, wie Digitalisierung in der Prozessindustrie praktisch, effizient und sicher umgesetzt werden kann. Automatisierte Datenextraktion, standardisierte Datenmodelle und intelligente Schnittstellen sparen Zeit, reduzieren Fehler und erhöhen die Compliance.
Für Anlagenbetreiber bedeutet dies: mehr Transparenz, weniger Aufwand und ein sicherer Betrieb der Anlagen, während gleichzeitig Innovationen und neue Technologien leichter integriert werden können. NOA und die Verwaltungsschale sind damit ein Schlüsselwerkzeug für die Digitalisierung der Prozessindustrie – von der kleinen Anlage bis zum großen Chemiepark.
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